Artothek im Rosental: Unbewusstes anzapfen

Artothek im Rosental: Unbewusstes anzapfen

11/20/2020

München – Im Rosental öffnet sich neuerdings das Tor zum Unbewussten. An den Wänden des Bildersaal der städtischen Artothek tut sich eine abstrakte Seelenlandschaft in Schwarzweiß auf. “Hinterland” nennt die Münchner Künstlerin Jutta Burckhardt ihre Mixed-media-Kombination aus Zeichnung, Fotografie und Klang.

Die Artothek bietet Kunst durchs Schaufenster

Weil die Artothek ein Zwitter aus Bibliothek und Ausstellungsraum ist, ist letzterer zwar fürs reine Schau-Publikum geschlossen, aber die Artothek, in der man Bilder ausleihen kann, bleibt geöffnet. Und da der Bildersaal zugleich als Foyer dient, muss jeder Ausleih-Interessierte durchs “Hinterland” durch. Weil die Künstlerin bei der Konzeption aber ohnehin im Blick hatte, dass der Herbst wieder Corona-bedingte Einschränkungen mit sich bringen könnte, hat sie ihre Arbeit so geplant, dass diese auch beim Blick durch das große Schaufenster funktioniert. Sogar den Sound kann man sich über einen QR-Code an der Glasscheibe aufs Handy holen.

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Die Wände sind raumhoch mit einer schwarzweißen Bild-Tapete bezogen. Man meint kurz eine dunkel glimmende Mondlandschaft mit Wolken, Bäumen und Moos zu erkennen – aber alles löst sich doch wieder auf in ein gegenstandsloses Flirren. Dieses Hintergrundrauschen des Bewusstseins ist es, was Burckhardt interessiert. Man schaut und schaut und erkennt nicht, was man sieht, so dass das Gehirn fieberhaft in der Erinnerung nach Ähnlichkeiten sucht. “Es ist ein bisschen wie beim Rorschach-Test”, so Burckhardt – in dem der Betrachter beschreiben soll, was er in Klecksen sieht.

Tuschezeichnung vielfach vergrößert

Zunächst schuf sie eine kleinformatige Tuschezeichnung auf Pergament, fing intuitiv an zu zeichnen. Ähnlich wie die Surrealisten mit der “écriture automatique” will Burckhardt ihr “Unbewusstes anzapfen und ein vorsprachliches Gewölle” erzeugen. Die Zeichnung scannte sie und vergrößerte sie, ergänzte sie um verschiedene Übergangsszenarien und ließ alles auf Papierbahnen im Tapetenformat ausdrucken. In die Mitte der frontalen Wand baute sie außerdem ein schwarzes Treppenpodest, das direkt in eine dunkle Höhle zu führen scheint, die sich in der Wandzeichnung auftut.

Links und rechts wird die Treppe wiederum von je einem Foto-Leuchtkasten flankiert. Was die Foto-Motive mit den Zeichnungen gemein haben, sind “Strukturen und Linien”, so Burckhardt, ebenfalls in Schwarzweiß. Immerhin erkennt man hier echte Heuhaufen auf einer Streuobstwiese.

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Echokammer für Hirngespinste

Aber auch die Heuhaufen entwickeln ein imaginäres Eigenleben: Man meint plötzlich, verborgene Figuren im Heu zu erkennen. Steckt da nicht Chewbacca aus “Star Wars” drin, quasi als Wächter neben dem Tor zum Unbewussten? Wer weiß, sicher ist nur: Jutta Burckhardts Visionen funktionieren bestens, “Hinterland” bietet die faszinierende Echokammer für unsere Hirngespinste.

Bis 9. Januar, Bildersaal der Artothek (Rosental 16); Artothek geöffnet Mi/Fr 14 – 18, Do 13 – 19, Sa 9.30 – 19 Uhr.

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