Dantons Tod: Im Dschungel versumpft

Dantons Tod: Im Dschungel versumpft

11/01/2020

München – Es hätte der Höhepunkt von Andreas Becks erster Spielzeit als Intendant des Residenztheaters sein sollen. Aber die Pandemie hat auch diesen Plan wie so viele andere zunichtegemacht. Als die Theater wieder aufmachen durften, wenn auch für wenige Besucher, wollte man die Produktion nicht vor nur 200 Zuschauen zeigen, erklärte Beck in einer kleinen Ansprache am Ende der Premiere von “Dantons Tod”. Das musste er dann vor nur 50 vermummten Menschen tun. Der Staatsschauspiel-Chef wies zudem darauf hin, dass gerade in solchen Zeiten die Kultur nötig und das Vergnügen hilfreich seien.

Nun ist Georg Büchner kein Quell der guten Laune. In seinem Dramenerstling, der in kurzer Zeit und in der ständigen Furcht, verhaftet zu werden, entstand, beschreibt er Ereignisse der Französischen Revolution im Frühjahr 1794, als die Republik buchstäblich noch blutjung war und in Tyrannei aufgegangen war. Obwohl selbst antimonarchistischer Aktivist, malte Büchner vier Jahrzehnte später kein heroisches Schlachtengemälde, sondern er zeigt mit wissenschaftlicher Präzision und unbestechlicher Menschenkenntnis, wie ein Kampf um Freiheit zu neuer Unterdrückung führt.

Georg Danton, einer der tragischen Helden der Revolution, der selbst Verantwortung trägt für zahlreiche Tötungen, lässt er an der Frage verzweifeln, was es denn ist, “was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet”. Die Antwort kennt auch Sebastian Baumgarten nicht oder zumindest verrät er sie nicht in seiner Inszenierung. Dafür beginnt er die 150 pausenlosen Minuten mit der Vision von einem Zustand der Welt nach den Revolutionen: Die Menschen sind weg, der Dschungel ist zurückgekommen.

Wer Büchner nicht kennt, muss leider draußen bleiben

Bühnenbildner Thilo Reuther ließ die schmucklose Fassade eines Bürohauses errichten, deren früherer Zweck am verwitterten Firmenschild “Banque Nationale” zu erkennen ist. Es sind Laute und Schreie von Tieren zu hören, dann wird das Bild schnell zurückgespult, bis an den Fenstern geschäftige Leute zu hektischem Schreibmaschinengeklapper auftauchen. Bewegt sich die Drehbühne, erscheint das Wort “République” verheißungsvoll wie eine Leuchtreklame, zeigt eine Gefängniszelle oder einen Hörsaal, der wie aus Trümmern hastig zusammengezimmert wurde. Dort tagt der Wohlfahrtsausschuss mit seinen großen Reden und in einer am Schluss angehängten Szene läuft ein Vortrag über Kunst und Revolution, den die blutigen Untoten des Umsturzes gelangweilt herumlümmelnd verfolgen.

Alles hier ist morbide und verkommen, es gibt viel Dunkelheit und fahles Licht. Die Gestalten, die das revolutionäre Paris bevölkern, erscheinen, als hätte die Revolution ihre Kinder nicht nur gefressen, sondern bald darauf wieder ausgespuckt (Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes). Georg Danton (Florian von Manteuffel) hat bereits einen Zustand von Selbstmitleid erreicht, der es schwer macht, zu glauben, dass dieser Mann den Hardlinern gefährlich werden könnte.

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Sein Gegenspieler Robespierre (Lukas Rüppel) ist ein empathiefreier Despot, wie man sich solche Leute schon immer vorgestellt hat. Und alle brüllen, was nicht ausschließlich mit den Abstandsregeln zu tun hat. Baumgarten nutzt den Text als ständiges Rauschen, das mit elektronischen Sounds zu Bildern von gewalttätigem Aufruhr auf den Straßen und den Klavierimprovisationen von Philipp Leiß konkurrieren muss. Wer im Publikum seinen Büchner nicht wirklich verinnerlicht hat, muss leider draußen bleiben, auch wenn er eine der raren Karten erstehen konnte.

Residenztheater: Die, nächsten Vorstellungen sind für den 21. und 22. Dezember um 19.30 Uhr geplant; Karten gibt es unter der Telefonnummer: 21 85 19 40

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