Ludwig III. und wie der Schatz von Sárvár nach München kam

Ludwig III. und wie der Schatz von Sárvár nach München kam

03/22/2021

Hätte man die Sissi-Filme mit Indiana Jones verbandelt, wäre vielleicht eine genau solche Geschichte dabei herausgekommen: Im westungarischen Schloss Nádasdy lagen jahrelang historisch bedeutende Kunstgegenstände aus Wittelsbacher Familienbesitz eingemauert verborgen. Silber, Porzellan und Gemälde, darunter bislang unbekannte Porträts von Joseph Stieler, dem berühmten Hofmaler von König Ludwig I..

Die Anfänge von Schloss Nádasdy

Die Geschichte von Schloss Nádasdy geht bis ins frühe Mittelalter zurück. 1875 gelangte es durch Erbfolge in die Hände der Wittelsbacher. Es gehörte zum Erbbesitz von Königin Marie Therese, der Ehefrau von König Ludwig III. Die beiden bauten es zum land- und forstwirtschaftlichen Mustergut aus, betrieben dort eine Pferdezucht, Milchwirtschaft und eine eigene Käserei. Wegen dieses landwirtschaftlichen Interesses kam Ludwig III. auch zu seinem Spitznamen: “Millibauer” wurde er genannt. In den unruhigen Zeiten nach 1918 – die Königsherrschaft in Bayern war vorbei – blieb das Schloss weiterhin in Familienbesitz und diente als Exil. Ludwig III. nutzte Sárvár im Alter vorwiegend als Jagddomizil. Bereits schwer erkrankt, besuchte er es zuletzt nach der Revolution in Deutschland. Am 18. Oktober 1921 starb der letzte König Bayerns im Schloss Nádasdy. Daraufhin diente es der Wittelsbacher Familie als Rückzugsort. Auf der Flucht vor der NS-Diktatur zog sein zweiter Sohn Prinz Franz mit seiner Familie zu Beginn der Naziherrschaft ganz nach Sárvár.

100 Jahre nach Ludwigs Tod ist der Schatz wieder in Bayern

Die Familie blieb dort, bis russische Truppen 1945 Einzug hielten. Auf der Flucht vor der Roten Armee musste sie zahlreiche Kunstgegenstände im Schloss zurücklassen. Vieles wurde schließlich in einem Kellerraum eingemauert – und überstand so unbeschadet den Einmarsch der Roten Armee. Diese Schätze kamen erst 1952 wieder zum Vorschein. Nach dem EU-Beitritt Ungarns im Jahr 2004 nahmen die rechtmäßigen Erben Restitutionsverhandlungen mit dem ungarischen Staat auf. Genau 100 Jahre nach dem Tod von Ludwig III. ist der Schatz wieder in Bayern. Ein Teil davon wird am kommenden Montag im Auktionshaus Neumeister versteigert.

Gegenstände, die bayerische Geschichte erzählen

Katrin Stoll ist seit Jahren als Sachverständige mit dem Schloss Nádasdy und seinen Kunstschätzen befasst. Mehrmals reiste sie in den letzten zehn Jahren nach Ungarn und besuchte das besondere Schloss. “Das war jedes Mal eine Zeitreise”, erzählt die Neumeister-Chefin. Kunstschätze, die so lange im Verborgenen lagen, sind immer etwas Besonderes. “Wir schreiben hier Kunstgeschichte und Geschichte”, so Stoll. Und tatsächlich tun sich bei der Sichtung, Bewertung und Einordnung der Gemälde und Objekte in den geschichtlichen Kontext viele Geschichten und Zusammenhänge auf.

Eine kunsthistorische Trüffelsuche

Wie die kunsthistorische Trüffelsuche in etwa abläuft, erklärt Rainer Schuster, Abteilungsleiter Alte Kunst bei Neumeister und Experte für Gemälde und Grafik. Besonders gut lässt sich anhand der großen Panoramavase mit Berliner Straßenprospekt (siehe großes Bild oben) beschreiben, was für eine Geschichte ein einzelnes Objekt erzählen kann. Die Vase ist an sich schon ein wertvolles Stück von KPM, der Königlichen Porzellan-Manufaktur. Jetzt haben die Experten bei Neumeister herausgefunden, dass es sich hier um ein Geschenk handelt, das der preußische König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1830 dem bayerischen Kronprinzen Maximilian (und späteren König Max II.) von Bayern gemacht hat. Den Beleg dafür haben die Experten in einer Veröffentlichung über Königsgeschenke aus dem Archiv der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin aufgestöbert.

Enge Verbindung: Hohenzollern und Wittelsbacher

Die sogenannte “Münchner Vase” aus der preußischen Porzellanmanufaktur ist ein sichtbares Zeugnis der engen Verbindungen zwischen den Hohenzollern und den Wittelsbachern – den Preußen und den Bayern. Der Schätzpreis des Auktions-Stücks liegt zwischen 35.000 und 45.000 Euro. Aber auch wer nicht so arg tief ins Portemonnaie greifen möchte, kann sich ein bisschen königliches Flair für Daheim ersteigern. Zahlreiche Fotos aus Privatbesitz belegen, dass sich die Wittelsbacher Familie gerne in Sárvár aufgehalten hat. Ob im Freien beim Picknick oder am reichhaltig gedeckten Tisch, man liebte gesellige Tischrunden.

Das berühmte “Bamberger Service”

Dementsprechend reichhaltig war das Schloss ausgestattet mit glanzvollen Tellern und Platten aus dem berühmten “Bamberger Service”. Auch silberne Mokka- und Teekännchen, Wasserkessel, Terrinen, Flaschenkühler, Zuckerdosen, Besteck und Tischglocken aus Wittelsbacher-Besitz befinden sich in der Auktion. Passend zum frühbarocken Schloss finden sich auch Einrichtungsgegenstände wie silberne Kerzenleuchter, dreiflammige Girandolen sowie verschiedene Ziervasen von Meissen und Nymphenburg mit Jagd- und Wald-Motiven in der Auktion.

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Auch für den kleinen Geldbeutel: Stücke ab etwa 100 Euro

Visitenkartenetuis, Zigarren-Schatullen und weitere kleine Gegenstände zeugen von den modischen Vorlieben der Zeit und sind mit einem Schätzpreis ab 100 Euro durchaus erschwinglich. Und mittendrin schaut sich ganz schüchtern ein Haserl um. Beim liegenden Kaninchen aus weißem Nymphenburger Porzellan (um 1917) könnte es sich um ein Unikat handeln. Was das Haserl im Schloss Nádasdy schon alles gesehen hat, wird es wohl für sich behalten …

Unbekannte Porträts von Joseph Stieler

Besonders spannend für Kunstkenner sind vier bisher unbekannte Gemälde des königlich-bayerischen Hofmalers Joseph Karl Stieler (1781-1858). Im 19. Jahrhundert rissen sich die Reichen und Schönen aus halb Europa darum, von Stieler auf Leinwand verewigt zu werden. Aber seine Beziehung zur bayerischen Königsfamilie war besonders eng. So halten Kunst-Insider das jetzt aufgetauchte Bildnis des ersten bayerischen Königs Maximilian I. Joseph (1756 – 1825) für das privateste von ihm noch existierende Gemälde. Entstanden im Jahr 1823, zeigt es den König in seinen letzten Lebensjahren. Interessant ist auch das Porträt der Königin Karoline, einer belesenen und gebildeten Frau. Gekleidet nach der damals aktuellen Pariser Mode, blickt sie dem Betrachter schnippisch, fast spöttisch entgegen. Eine Seltenheit bei diesem Gemälde: Es ist von Stieler signiert. Einst haben sich die Künstler zurückgehalten. Offenbar war das Bild für einen ovalen Rahmen gedacht, weshalb die Signatur links unten jetzt zu sehen ist.

Wo werden die Bilder in Zukunft hängen?

Ebenfalls aufgetaucht sind Porträts der Prinzessinnen Adelgunde und Hildegard, Töchter Ludwigs I., entstanden im Jahr ihrer Heirat. Am Bildhintergrund ist zu sehen, wer die bessere Partie gemacht hat. Adelgunde – vor einem Vorhang sitzend – heiratete 1842 den Erbprinzen Franz von Modena und wurde Herzogin von Modena. Die kindlichere Hildegard ist im Freien zu sehen. Sie heiratete 1844 den Erzherzog Albrecht von Österreich. Am Montag kommen die Bilder unter den Hammer. Es wird spannend, wo sie in Zukunft hängen werden.

So können Sie mitsteigern

Die Auktion “Kunst im Exil” findet am Montag im Auktionshaus Neumeister statt. Gemäß den aktuellen Hygienebestimmungen können Interessierte nach Voranmeldung vor Ort teilnehmen. Wer möchte, kann im Vorfeld ein schriftliches Gebot abgeben oder auch telefonisch mitbieten. Für eine Online-Teilnahme muss man sich bei den Partnerportalen Lot-tissimo oder Invaluable anmelden, zur Auktion als Live-Bieter registrieren und bekommt von Neumeister anschließend eine Bieternummer zugewiesen. Die Objekte können nach Anmeldung ab sofort im Auktionshaus vorbesichtigt werden.

Auktion am 15.3. um 16 Uhr Barer Straße 37 Anmeldung unter: Tel. 231 710 – 0 oder www.neumeister.com Vorbesichtigung: Mo – Fr: 10 – 17 Uhr Sa – So: 10 – 15 Uhr

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