Reise ins Risikogebiet – Kann ich kostenlos stornieren?

Reise ins Risikogebiet – Kann ich kostenlos stornieren?

09/11/2020

Angst und Sorge statt Vorfreude auf den anstehenden Urlaub

Normalerweise blickt man einem bevorstehenden Jahresurlaub mit Vorfreude entgegen. Doch Corona hat auch das geändert. Viele Urlauber empfinden eher Sorge und Stress, wenn sie an ihre Reise denken. Besonders wenn diese in ein Gebiet gehen soll, in dem die Coronazahlen steigen oder das sogar als Risikogebiet eingestuft ist. Dem Wunsch kostenfrei stornieren zu dürfen, gehen Veranstalter in der Regel nicht nach. Ist das überhaupt rechtens? Wir haben Rechtsanwalt Paul Degott um Einschätzung gebeten.

Infektionsgefahr und Quarantänemaßnahmen

So geht es auch Stefanie, Anita und Uwe. Alle drei haben Pauschalreisen für sich und ihre Familien gebucht, die im Oktober anstünden – in Gebiete, für die zwar keine Reisewarnung mehr gilt, die aber dennoch als Risikogebiete eingestuft sind. Stefanie wollte nach Ägypten, Anita und Uwe in die Türkei. Neben der Gefährdung einer Infektion droht den Urlaubern auch eine Quarantänemaßnahme vor Ort. An einer fünf-tägigen Selbstisolation zurück in Deutschland kommt zudem keiner der Reisenden vorbei, da sich ab dem 1.10. jeder Reiserückkehrer aus einem Risikogebiet in eine solche begeben muss. Das stellt die Familien vor einige Schwierigkeiten.

Veranstalter verweigern kostenfreie Stornierungen

Die Versuche aus diesen Gründen kostenfrei zu stornieren wurde von allen Reiseveranstaltern verneint. Anita konnte sich mit ihrem Veranstalter noch auf eine Umbuchung aufs nächste Jahr einigen, worauf sich die Veranstalter von Stefanie und Uwe aber nicht einlassen wollen. Auch eine Gutschrift lehnen sie ab. Sie argumentieren, dass dies nicht möglich sei, da beide sogenannte “x-Buchungen” haben, die zwar günstiger im Preis sind, dafür aber strengeren Stornierungsbedingungen unterliegen. Mit der Begründung, dass ihnen ebenfalls Stornokosten bei den Vertragspartnern entstünden, lehnt der Veranstalter von Stefanie und Uwe jegliche Lösungsvorschläge ab. Auch beruft er sich immer wieder darauf, dass die Reisewarnung mittlerweile aufgehoben wurde. Was die Betroffenen genau erlebt und wie sich die Veranstalter im Detail geäußert haben, lesen Sie in dieser Geschichte.

Einschätzung von Rechtsanwalt Paul Degott

“Man kann einen doch nicht zwingen, einen Urlaub in ein Risikogebiet anzutreten oder unter diesen Umständen noch Stornokosten zahlen zu müssen”, beschweren sich Betroffene in einer solchen Lage. Das denken wir auch und wollen wissen, wie das rechtlich eigentlich aussieht. Hat man Anspruch auf eine kostenfreie Stornierung, auch wenn keine Reisewarnung mehr besteht? Anwalt Paul Degott erläutert die Rechtslage und empfiehlt, wie man sich in einer solchen Situation am besten verhält.

„Prognoseentscheidung treffen“

In den Fällen von Stefanie, Anita und Uwe ist für Paul Degott die Rechtslage ziemlich klar: Alle drei Reisen wurden zu Zeitpunkten gebucht, wo noch nicht klar war, dass die Gebiete im Reisezeitraum Hochrisikogebiete sein würden. Rückt Reise und Restzahlung näher, sollten sich Betroffene entscheiden: Möchte man den Restbetrag zahlen und die Reise trotz des Risikos antreten oder lieber den kostenlosen Rücktritt erklären? “Dieser Rücktritt ist, entgegen den Einlassungen der Veranstalter, relativ einfach darzustellen: Man muss für sich selber eine Prognose treffen, dafür sich erstmal informieren, in den Medien und vielleicht auch Rückfragen beim Veranstalter halten, wie die Situation vor Ort ist”, erklärt Degott.

Den Rücktritt erklären

Sobald genug Aspekte vorhanden seien, die gegen die Reise sprechen, muss der Veranstalter über den Rücktritt unter Berufung auf “außerordentliche Umstände” informiert und gebeten werden, die Anzahlung zu erstatten. Zu diesen Umständen könnte eine Infektionsgefahr vor Ort zählen, Vorerkrankungen, die die Reise noch riskanter machen, eine mögliche Quarantäne oder auch Maßnahmen am Urlaubsort selbst. Auf eine Reisewarnung käme es hierbei auch nicht an, erklärt Degott. Diese könne aber natürlich als zusätzliches Argument dienen.

Argumente plausibel darstellen

“Im Prinzip kommt es nur darauf an, ob genügend Aspekte für eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine gesundheitsgefährdende Ausbreitung der Pandemie in dem jeweiligen Urlaubsgebiet vorhanden ist oder nicht”, erklärt Degott. Dennoch sollte man genügend Argumente gesammelt haben, damit der Veranstalter nicht widerspricht und Stornogebühren verlangt. Um dann das Geld zurück zu bekommen, müsste dieser verklagt werden. Wenn das passiert, rät Degott: “Diese Prognoseentscheidung, die Voraussetzungen dafür, wie Sie dazu gekommen sind, was Sie gehört und gelesen haben, was Sie auch dokumentiert haben, das wäre dem Richter halt schon plausibel zu machen.”

„x-Buchung“ ist kein Argument

Gelingt es den Richter zu überzeugen, “kriegt man sein Geld wieder und der Veranstalter muss selber gucken, wie er mit seinen Leistungsträgern zurechtkommt, mit der Fluggesellschaft, mit der Hotelgesellschaft, die da möglicherweise alle unter Vertrag stehen”, erklärt Degott. So könnte auch die Begründung von Stefanies und Uwes Veranstalter, kostenfreie Stornierungen seien nicht möglich, weil es sich um eine “x-Buchung” handelt, von einem Richter anders gesehen werden.

„Sich nicht ins Bockshorn jagen lassen“

“Meine Handlungsempfehlung wäre, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen, wenn der Veranstalter mit allen möglichen Ausflüchten und Erklärungen kommt”, sagt Degott. Bitten, noch abzuwarten wie die Situation sich weiterentwickelt, dürfen also verweigert werden. “Es kommt auf den Zeitpunkt an, wo der Reisende sich selber überlegt und abschätzt: Ist dieser Urlaub in dieses Zielgebiet für mich vertragsrechtlich sinnvoll und von der Gefährdungssituation zumutbar?”, so Degott. Wenn nicht, sollte die Reise kostenfrei storniert werden.

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