Stolperfalle  Kinderbetreuung

Stolperfalle Kinderbetreuung

09/17/2021

Die Mutterschaft ist großes Glück und Armutsfalle zugleich.Der Ausweg aus dem Dilemma? Mehr Gleichberechtigung und Toleranz. Und: flächendeckende Kinderbetreuung. Denn die Lage in Vorarlberg ist verbesserungswürdig, auch wenn die Richtung schon stimmt.

Die Kinderbetreuung in Vor-arlberg ist zum GroßteilFrauensache. Dasselbe gilt für die Altersarmut. Wer zu wenig Zeit für bezahlteArbeit aufbringen kann, dessen finanzielle Lage verschärft sich mit demPensionsantritt deutlich. „Es ist ein soziales sowie gesellschaftlichesProblem, dass den Frauen noch immer die Hauptverantwortung für die Kinder undden Haushalt in die Schuhe geschoben wird“, so die zweifache Mutter NadineDunst-Ender. Dank dem antiquierten Rollenbild und weil sich Frauen oft mitweniger Einkommen als Männer zufriedengeben müssen, kommt für viele Müttermeist nur ein Teilzeitjob infrage. Der Mann als Hauptverdiener bleibt dasNonplusultra.

Gewohnheitsfalle. Den Ursprung der Betreuungs- undVerantwortungsmisere zwischen Frau und Mann und dem finanziellenUngleichgewicht ortet die heute vollzeitbeschäftigte LändleTV-Moderatorin inder Karenzzeit. „Die wird vorwiegend von Müttern in Anspruch genommen. Weil dieFrauen dadurch schon weg vom Job sind und den Alltag zuhause stemmen, bleibt esaus Gewohnheit gleich dabei.“ Das ist fatal – in puncto Altersvorsorgedramatisch. „Wenn ich meinem jüngeren Ich einen Tipp geben könnte, wär’sdieser: Red mit deinem Partner über die Karenz-, Kinderbetreuungs- undArbeitssituation – im Idealfall schon im Zuge der Kinderplanung“, soNadine.  Wie man es allerdings dreht undwendet: Institutionelle Kinderbetreuungseinrichtungen gewinnen immer mehr anBedeutung.

Rückblick. Nadine erinnert sich an die Zeit, als sie2010 eine Ausbildung begann und ihr Erstgeborener 10 Monate alt war: „An dasThema Kinderbetreuung bin ich völlig naiv herangegangen. Dass die ein Problemsein könnte, war mir nicht klar.“ War sie aber. Die Großeltern lebten damals imAusland und Krippe stand keine zur Verfügung. Jedenfalls keine, die dasKleinkind aufgenommen hätte. „Zum Glück fand ich für Lennox eine Tagesmutter.“Bei Tochter ­Skyla – fünf Jahre später – sah es schon besser aus. „Sie war dieerste Einjährige, die in einer Krippe betreut wurde“, erzählt die 40-jährigeRankweilerin. Auf die Vorreiterrolle ist sie ein bisschen stolz, bedeutet einefrühe Betreuung doch die Chance, sich schnell wieder in den Arbeitsmarkteinzugliedern – ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Tragischnur, dass Mütter sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, ihrem Krabbelkinddurch die familienexterne Betreuung zu schaden. Nicht weniger tragisch: Väterwerden mit diesem Vorwurf nicht konfrontiert. Das Rollenschema, das sich amBild der vollzeitverantwortlichen Mutter festkrallt, zeigt hier seine Fratze.Nichtsdestotrotz gibt es, was die institutionellenKinderbetreuungseinrichtungen betrifft, verbesserte Rahmenbedingungen: Die Anzahl steigt – genauso derenpädagogischen Standards. Auch Förderungen für einkommensschwächere Haushaltestehen zur Verfügung, damit die Erwerbstätigkeit aufgrund der Betreuungskostennicht zur Nullnummer wird.

Fakten. Heute gibt es in Vorarlberg 656Betreuungseinrichtungen exkl. Tageseltern. Waren es 1999 noch 1,3% der 0- bis2-jährigen Kinder mit Wohnsitz in Vorarlberg, die in einer institutionellenKinderbetreuung untergebracht wurden bzw. untergebracht werden konnten, stiegdie Zahl im Vorjahr der Coronakrise (2019) auf 27,7% an. Von den 3- bis5-Jährigen werden heute beinahe 100% institutionell betreut. Ein positiverTrend. Die Crux liegt allerdings im Detail, sprich in den Öffnungszeiten. Nichtin jeder Gemeinde gibt es die Möglichkeit, Kinder flexibel ganztägig versorgenzu lassen. In Rankweil schon. Der Kindergarten inkl. Mittagstisch hat von 7-18Uhr geöffnet. Katastrophal wird die Betreuungssituation vielerorts imVolksschulalter, wenn die Kinder um 11.35 Schulschluss haben. „Ich hatte dasGlück, dass eine Mittags- bzw. Nachmittagsbetreuung zustande kam. Ich weiß garnicht wie das Eltern sonst schaffen, grad wenn sie kein Familiennetzwerkhaben“, erklärt die Bloggerin. Gar nicht erst entstehen würden Betreuungslückendurch verschränkte Ganztages­schulen, in denen sich Unterrichts-, Lern- undFreizeiteinheiten von 8 bis 16 Uhr abwechseln.

Chancengleichheit. Um vor allem den Kindern eine(Bildungs-)Chancengleichheit zu bieten, peilt das Land Vorarlberg den Ausbauder Ganztagesschulen an.  Bis zumSchuljahr 2022/23 sollen 30 Prozent der Schulpflichtigen von 6 bis 15 Jahreneine schulische ganztägige Betreuung in Anspruch nehmen. Vom Betreuungsausbauwürden auch die Frauen profitieren.

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