"Tatort: Der Mörder in mir": Steckt in uns allen ein egoistischer Feigling?

"Tatort: Der Mörder in mir": Steckt in uns allen ein egoistischer Feigling?

09/16/2022

Ein erfolgreicher Familienvater fährt einen Obdachlosen an und flieht. Dann plagt ihn sein Gewissen. Panik und Paranoia setzen ein. Wie hätte man selbst reagiert? Der Stuttgarter „Tatort“ ist ein spannendes Psychogramm, das zum Nachdenken anregt.

Eine KritikvonIris Alanyali

Diese Kritik stellt die Sicht von Iris Alanyali dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Was ist das für ein Mensch, der mitten in der Nacht eine Gestalt anfährt und einfach weiterfährt? Obwohl es dunkel, nass und kalt ist und wegen ihm ein anderer Mensch im Straßengraben liegt? Vielleicht schon tot, vielleicht aber noch am Leben? Vielleicht könnte die Gestalt noch gerettet werden? Benjamin Dellien (Nicholas Reinke) ist so ein Mensch.

Ein Anwalt mit einem schicken Haus am Hang in Stuttgart. Zwei wohlgeratene Kinder, seine Frau ist mit dem dritten Kind im achten Monat schwanger. Eine ziemlich perfekte Familie, die ein ziemlich angenehmes Leben führt. Gewissensbisse ist Ben Dellien nicht gewöhnt. Wenn ihm etwas Kopfzerbrechen bereitet, dann sind das höchstens internationale Geschäftsverträge, mit denen die Kanzlei ihn betreut. Und er macht das offenbar so gut, dass ihm die Partnerschaft in Aussicht gestellt werden soll.

Der Zerfall eines erfolgsverwöhnten Mannes

Er ist kein schlechter Mensch, dieser glücksverwöhnte Mann. Ein Vater, der sich kümmert, ein liebender Ehemann und kompetenter Anwalt. Aber jetzt liegt da dieser Obdachlose im Straßengraben, und plötzlich schläft Ben Dellien nicht mehr so gut. Und das ist erst der Anfang.

Die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ermitteln in Sachen Fahrerflucht, doch der eigentliche Fall, von dem dieser „Tatort“ erzählt, ist Ben Dellien, im wahrsten Sinne des Wortes: „Der Mörder in mir“ beschreibt die allmähliche Zerrüttung eines Mannes, das allmähliche Zerbröckeln seines Lebens, und das ist dank des klugen Drehbuchs und der konzentrierten Regie von Niki Stein mindestens so spannend anzusehen wie eine konventionellere Mördersuche.

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Ermittlungen in der Seele des Publikums

Weil der Täter von Anfang an feststeht, verändert sich der Fokus der Investigation. Die eigentliche, interessantere Ermittlung findet in der Seele der Zuschauer statt: Was hätte man selbst an Ben Delliens Stelle getan? Nicht nur im Moment des Unfalls – sondern auch danach. Gut, Ben Dellien hat einen Fehler gemacht.

Er hat eine Sekunde nicht aufgepasst und mit dem Wagen etwas angefahren, das ist verzeihlich, oder? Aber was ist mit dem Moment, in dem er aussteigt und wegen der nassen Schirmmütze an seinem Scheibenwischer davon ausgehen muss, einen Menschen getroffen zu haben? Und was gebietet die Moral, wenn er am nächsten Tag erfährt, dass der von ihm angefahrene Obdachlose gestorben ist? Von einem Geständnis wird der Tote auch nicht wieder lebendig, richtig? Doch was sagt das eigene Gewissen dazu?

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Das Ehepaar verfällt in Panik und Paranoia

Während Ben Delliens behagliches Leben ungemütlich wird, betreiben Lannert und Bootz ruhig und zielstrebig eine Spurensuche, die ihre Spannung aus genau dieser Parallelität bezieht: Während die Kommissare ihre Kreise um Dellien immer enger ziehen, hat dessen fragiler Gemütszustand immer weitreichendere Auswirkungen.

Bens Ehefrau Johanna (Christina Hecke), der er seine Tat gestanden hat und die am Anfang noch so patent und entspannt schien, verliert zunehmend die Nerven – und den moralischen Kompass. Unter dem Druck wird das Paar von einer Paranoia und einem Aktionismus erfasst, die den Abwärtsstrudel nur beschleunigen.

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Der Gerichtsmediziner zitiert „Hamlet“

Dadurch rückt auch eine Nachbarin, die bisher nur eine unwichtige Randfigur im Leben der Delliens war, immer stärker ins Zentrum und scheint zur Bedrohung zu werden. Dabei will Laura Rensing (Tatiana Nekrasov) liebend gern eine Unbeteiligte bleiben. Sie ist die Mutter einer Klassenkameradin von Delliens Sohn und arbeitet in einer Autowaschanlage.

Ausgerechnet sie ist es aber auch, von der Ben Dellien am Morgen nach dem Unfall seinen Dienstwagen reinigen ließ. Jetzt kommt ihr als Zeugin nicht nur eine Schlüsselrolle in den polizeilichen Ermittlungen zu; die allein erziehende Mutter hat mit Schicksalsschlägen ihre eigenen Erfahrungen und deshalb auch ihre ganz persönlichen Ansichten zu Schuld und Sühne.

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Die Sache ist also kompliziert, und Gerichtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) zitiert irgendwann sehr passend aus „Hamlet“: „Von so betörter Furcht ist Schuld erfüllt, / Dass, sich verbergend, sie sich selbst enthüllt.“ Niki Stein ist kein Shakespeare, aber mit „Der Mörder in mir“ ist ihm und den Darstellern ein Kriminalfilm gelungen, der komplexe philosophische Fragen ohne Pathos behandelt und der bis zur letzten Minute auch deshalb spannend bleibt, weil er unterschwellig in ständigem Dialog mit den Zuschauern steht.

Bis zuletzt fragt man sich, wie man selbst wohl handeln würde – und das nicht nur an Stelle des Mörders, sondern auch als Partnerin, Zeugin oder Kommissar. Man muss kein Dänenprinz sein, um hier ins Grübeln zu kommen.

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