Von der Zukunft der Alpenstadt

Von der Zukunft der Alpenstadt

06/10/2022

Die Stadt Bludenz feiert bald ihr 750-jähriges Bestehen – „oder so“.

Für Bürgermeister Simon Tschann ist das nur ein Grund, um in die Zukunft zu blicken und sich zu fragen: Wie soll sich die Stadt weiterentwickeln und wie wird sie in Zukunft aussehen?

Gustav Heinemann(1899–1976), ehemaliger Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, meinteeinst: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahrenmöchte.“ Veränderungen treibt der Bludenzer Bürgermeister, Simon Tschann,einige in der Alpenstadt voran. Bei einem Treffen im Gasthaus Löwen erzählt er,von aktuellen Herausforderungen und zukunftsträchtigen Projekten.

Simon Tschann,schön, dass wir uns in einem ungezwungenen Ambiente unterhalten dürfen. Gehtder Bludenzer Bürgermeister öfter aus?

Simon Tschann: Wir haben ganz viele tolle Lokale inBludenz und der Umgebung. Als Bürgermeister versuche ich da selbstverständlichkeinen zu bevorzugen. Allerdings gehe ich auch nicht jeden Tag essen. Das gehtauch nicht.

Einen Favoritengibt es nicht?

Simon Tschann: Als ehemaliger Traube-Mitarbeiter wird eswohl immer das Hotel Traube in Braz bleiben. Da habe ich einen besonderen Bezugdazu. Sonst bin ich gern in der Stadt unterwegs. Wir haben einige tolle Lokalein Bludenz, auch wenn die Coronakrise die Situation vieler Gastronomen nichtgerade vereinfacht hat.

Viele haben sichschon zuvor schwergetan, Personal zu finden.

Simon Tschann: Das ist so. Zu meiner Zeit hat man um dieLehrstellen noch gestritten. Heute müssen sich die Betriebe regelrecht bei denMitarbeitern bewerben. Das ist nicht nur in der Gastronomie so. Ich habegehört, andere Gemeinden zahlen ihren Mitarbeitern ein iPad. Da finde ichpersönlich das Klimaticket interessanter …

DasKlimaticket-Angebot für Bludenzer Studenten gibt es erst seit Kurzem. Wie kommtes an?

Simon Tschann: Ganz abschätzen können wir die Nachfragenoch nicht, da das Ticket erst ab Herbst gilt. Die Resonanz bisher istgrandios. Nicht nur von den Studenten selbst. Viele Eltern und auch Großelternfinden es super, wenn das Kind beziehungsweise der Enkel öfter nach Hausekommt. Andere Gemeinden haben sich uns als Vorbild genommen, und wollen das nunauch umsetzen. Klar: Studenten, die nicht in Bludenz wohnen, haben Wind vomAngebot bekommen und fordern das in ihren Gemeinden nun ebenfalls.

Die Stadt Bludenzist da ja bewusst vorangegangen.

Simon Tschann: Absolut. Wir wollten mit dem Verkehrsverbund Vorarlberg (VVV) vorangehen. Wir investieren jedes Jahr viel Geld in den öffentlichen Verkehr, in Bus und Bahn. Da ist es uns schon recht, wenn die Leute das Angebot am Nutzen und nicht im Auto sitzen. Außerdem wollen wir, dass die Studenten die Nähe zur Heimatstadt nicht verlieren. Wir brauchen auch in Bludenz gut ausgebildete Leute. Mit dem Klimaticket bleiben sie mit ihrer Heimat eher verbunden. Und am Ende des Tages zählt selbstverständlich auch der Umweltgedanke.

Und der ist großbeim Bludenzer Bürgermeister.

Simon Tschann: An dem Thema kommt man nicht mehr vorbei.Dementsprechend haben wir uns verschiedene Ziele gesetzt. Abgesehen vomKlimaticket und der Mission Zero, die wir beschlossen haben, arbeiten wir aneiner Klimawandel-Anpassungsstrategie. Wir haben auch einen Klimafondseingerichtet, in den wir jedes Jahr 50.000 Euro als echte Rücklage zur Seitelegen. So können wir genug Geld für mögliche Umweltereignisse zurücklegen. Aufdem Dach der Remise soll in diesem Jahr noch eine Photovoltaikanlageinstalliert werden. Und die Schule in Außerbraz soll energetisch saniertwerden. Für mich als junger Bürgermeister ist es außerdem wichtig, dass wir inder Gemeinde mit gutem Beispiel vorangehen. Besonders betonen will ich andieser Stelle unsere Job-Bike-Aktion im vergangenen Jahr: Dabei konnten wireinige Mitarbeiter motivieren, sich ein Fahrrad anzuschaffen und damit zurArbeit zu kommen.

Sogar das neueDienstauto wurde umweltfreundlicher – nicht ohne Diskussion.

Simon Tschann: Ja, das stimmt. Das Auto war auch Teilunserer Mission Zero. Wobei ich betonen möchte, dass es sich um ein reinesDienstauto handelt.

Und wie fährt essich?

Simon Tschann: Gut und sicher – schnell traue ich mich jetztnicht sagen (lacht). Allerdings bin ich überwiegend in der näheren Umgebungunterwegs. Und da lasse ich das Auto gern stehen.

Und privat?

Simon Tschann: Privat besitze ich gar kein Auto. Da binich mit Bus und Bahn unterwegs. Kürzere Distanzen lege ich zu Fuß oder mit demFahrrad zurück. Wenn ich doch einmal weiter wegfahre, leihe ich mir ein Autoaus. Früher sind wir zum Beispiel in den Ferien noch gern Campen gefahren.Dafür haben wir den Campingbus von meinem Vater gern genutzt. Sonst habe ich eigentlichnie ein Auto gebraucht.

Sie verstehen diejunge Generation also, wenn diese kein Interesse mehr an einem eigenen Autohat?

Simon Tschann: Durchaus. Erstens kostet es viel Geld. Undzweitens ist unser Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut und wird nochweiter ausgebaut.

Wie steht es umden Verkehr in Bludenz?

Simon Tschann: Wir haben gewisse Brennpunkte. Das willich nicht abstreiten. Ich tue mir allerdings schwer damit, zu sagen, dass wirein Verkehrsproblem haben. Da schaut es in anderen Städten schlimmer aus. Wirhaben sicher Zonen, die nicht ideal gelöst sind. Der Postbühel ist zum Beispieleine davon. Leider haben wir auch nicht die perfekte Lösung parat. Eine Ampelist es in meinen Augen nicht. Ein Kreisverkehr geht sich vom Platz her nichtaus.

Den Verkehr umdie Stadt herumzuleiten, war auch schon Thema.

Simon Tschann: Da gibt es Ideen, aber keine spruchreifen.Dazu handelt es sich hier um Landstraßen. Das müsste sich also das Land mit unsanschauen. Außerdem müssen wir uns bewusst sein, dass wir nie alle Autos ausder Stadt bringen werden. Das ist auch nicht das Ziel. Was wir aber wollen,ist, dass jene, die auf dem Fahrrad sitzen, zu Fuß gehen oder die Öffis nutzenwollen, ein attraktives Angebot haben.

In Bludenz wirdaktuell abseits der Straßen an mehreren Großprojekten gearbeitet, wie zumBeispiel dem Brunnenbachviertel oder der Südtiroler Siedlung.

Simon Tschann: Das stimmt. Wir haben einige Projekte amLaufen und schon wieder in der Planung. Am Brunnenbachviertel wird bereitsgearbeitet. Schon jetzt ist es kaum wiederzuerkennen. Das Projekt wird vomLustenauer Unternehmen Haberl Bau gestaltet. Es ist ein besonderes Bauprojekt.Nicht nur, dass es selten vorkommt, dass ein einziger Bauträger ein ganzesViertel neu gestaltet. Auch ist das Planungsverfahren innerhalb eines Jahres,also extrem schnell und vor allem reibungslos, über die Bühne gegangen. Das istein Paradebeispiel dafür, dass sich eine gute Planung und Absprache mit allenBeteiligten im Vorfeld lohnt. Von Anfang an wurden die Anrainer mit ins Bootgeholt.

Dasselbe erhoffenSie sich auch bei der Südtiroler Siedlung?

Simon Tschann: Ja. Auch da haben wir bereits ersteGespräche mit den Bewohnern geführt. Weitere sind bereits geplant. Es freut unssehr, dass wir bei diesem Projekt mitwirken können. Die Südtiroler Siedlung istja im Besitz der Alpenländischen Gemeinnützigen Wohnbau GmbH und nicht derStadt Bludenz. Selbstverständlich wollen wir da aber nicht nur mitreden,sondern auch finanziell einen Beitrag leisten. Weil die Siedlung für die StadtBludenz wichtig ist. Jetzt geht es vor allem darum, die ersten zweiMusterhäuser zu sanieren und die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohnerabzuholen.

Was wünschen sichdiese?

Simon Tschann: Die Bevölkerung hat sich klar für eineSanierung ausgesprochen. Das heißt, dass die Siedlung ihren Charakter behaltensoll. Es geht vor allem darum, die Gebäude energetisch auf Vordermann zubringen. Man muss kein Experte oder Bautechniker sein, um zu sehen, dass dasnötig ist. Hier gilt es, die beste Lösung zu finden. Das ist auch der Punkt,bei dem ich sage: Bürgerbeteiligung ist wichtig. 

Für die Bewohnerist vor allem leistbares Wohnen ein zentrales Thema.

Simon Tschann: Absolut. Derzeit sind die Mietenüberschaubar. Jeder der die Wohnungen kennt, weiß warum. Viele der Bewohnerwären sogar bereit, mehr zu bezahlen, wenn sich die Qualität in Sachen Dämmung,Heizsystem und Nachhaltigkeit verbessert.

Die Kosten müssenaber überschaubar bleiben. Das ist die Herausforderung. Leistbares Wohnen istein Begriff, der derzeit viel gebraucht wird, für den es aber noch wenigLösungsansätze gibt. Die aktuelle Lage macht es nicht einfacher. Die Baukostensteigen. Das merken wir bei den eigenen Bauvorhaben. Doch wir haben einegewisse Verantwortung und der wollen wir nachkommen.

Verfolgt dieStadt Bludenz im Bereich des leistbaren Wohnens konkrete Ansätze?

Simon Tschann: Wir haben in Vorarlberg einigegemeinnützige Wohnbauträger, die gewisse Möglichkeiten bieten. Übrigens sindauch in der Stadt Bludenz viele gemeinnützige Wohnbauträger aktiv. Wir sindsogar mit der Landeshauptstadt gleichauf, was den sozialen Wohnbau betrifft.Ich selbst sitze auch im Aufsichtsrat der Alpenländischen.

Da wir gerade vonProjekten und Quartiersentwicklungen sprechen: Die Stadt Bludenz kauft ja dasWürbel-Areal …

Simon Tschann: Da sind wir tatsächlich mit Frau Würbeleinig, so viel darf ich verraten. Das Würbel-Areal passt super ins Konzepteiner Quartiersentwicklung. Die Besitzerin möchte das Gebäude und ebenso denGarten öffentlich zugänglich machen. Das wäre genau in unserem Sinne. Danebenist die Remise und auf der anderen Seite der Stadtsaal …

Eine idealeBegegnungszone.

Simon Tschann: Genau. Für uns stellt sich die Frage, wiewir ein geschlossenes Quartier daraus machen, beleben und bespielen wollen. Eswäre ein großer Meilenstein für die Stadtentwicklung.

Welche weiterenMeilensteine stehen in Bludenz an?

Simon Tschann: Den nächsten Meilenstein feiern wirbereits am kommenden Dienstag, den 14. Juni. Dann wird das Stadtmuseum wiederder Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es wurde saniert und hat einen modernenStil bekommen – ganz edel.

Es wird gewisseFixpunkte geben, aber auch temporäre Sachen, die man bespielen kann. DieBesucher sollen immer wieder neues entdecken dürfen.

Im Herbst startenwir mit der Erweiterung der VS-Mitte mit 22 Millionen Euro Baukosten, dasgrößte Einzelbauvorhaben der Stadt Bludenz.

Wir befassen unsmomentan ebenfalls intensiv mit der mittelfristigen Projektplanung. Immerhinwartet 2024 ein besonderes Jahr auf uns: „750 Jahre Bludenz – oderso“. Da wollen wir den Fokus auf die Stadtgeschichte legen. Allerdingssoll es nicht nur ein Rückblick werden.

Als jungerBürgermeister stellt sich mir die Frage: wo soll es in den nächsten Jahrzehntenhingehen? Die Bereiche Umwelt, Digitalisierung und Bildung sind für mich ganzklar die Themen der Zukunft.

An welchenzukunftsträchtigen Projekten arbeitet die Stadt Bludenz?

Simon Tschann: Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie vonden Vorarlberger Kraftwerken zu einem Fernwärmeprojekt, das wir gernverwirklichen würden. Ein riesen Projekt, das – wenn wir es realisieren können– Bludenz und Bürs mit Energie versorgen könnte und dabei nur halb so groß wärewie jenes in Lech. Das wäre eine grandiose Geschichte. Mehr will ich an dieserStelle aber noch nicht verraten.

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