‘Wozzek’ in der Staatsoper: Mit vollem Einsatz

‘Wozzek’ in der Staatsoper: Mit vollem Einsatz

10/17/2020

Weil Alban Bergs Musik erst dann aufbl�ht, wenn sie wirklich pr�zise gespielt wird, sind Repertoirevorstellungen von “Wozzeck” mehr eine Drohung. Mit blo�er Routine kommt man da nicht weit, und wer wom�glich vor knapp einem Jahr den ersten Abend der exzellent gesungenen, aber unterirdisch begleiteten Auff�hrungsserie mit Christian Gerhaher besucht hat, wei� wom�glich, wovon die Rede ist.

Nun hat Vladimir Jurowski die Oper �bernommen. Er tritt im n�chsten Herbst die Nachfolge von Kirill Petrenko als Generalmusikdirektor an, und da l�sst sich das Bayerische Staatsorchester nicht beim l�ssigen Schlampen erwischen. Die Auff�hrung wirkte musikalisch frisch wie eine Premiere, und fast so umfangreich d�rfte sie allerdings auch geprobt worden sein.

Gespielt wird – coronabedingt – eine Bearbeitung des Dirigenten Eberhard Kloke, in der die vierfache Bl�serbesetzung auf die H�lfte reduziert ist. Das h�rt sich nach einem drastischen Eingriff an. Aber Kloke hat das so geschickt gemacht, dass der Normalbesucher nichts bemerken d�rfte – anders als etwa beim klanglich doch ein wenig ramponierten “Eugen Onegin” von Peter Tschaikowsky im G�rtnerplatztheater.

Die Verkleinerung des Orchesters sch�rft den Klang. Klokes verdichteter Berg klingt weniger nach Mahler und ein wenig mehr wie Sch�nberg, obwohl das gro�e menschheitsumarmende Gef�hl im Zwischenspiel vor dem letzten Bild nicht zu kurz kommt. Ungesch�tzt vom gro�en Riesenorchester fordert diese Version von jedem einzelnen Musiker noch mehr Einsatz als sonst. Und sie kommt auch dem Dirigenten entgegen, den schon in der Salzburger Neuinszenierung von 2017 mehr Alban Bergs collagierende Modernit�t und die blitzenden Farben interessierten. Jurowski achtet – wie sein scheidender Vorg�nger – auf h�chste Pr�zision, die als h�here Freiheit daherkommt, weil der Dirigent S�nger atmen l�sst und Soli im Orchester frei ausgespielt werden.

Andreas Kriegenburgs 12 Jahre alte Inszenierung passt sich erstaunlich wandlungsf�hig allen Umbesetzungen an und wirkt heute wom�glich noch zwingender als in der Premiere. Simon Keenlysides Wozzeck wirkt in seiner Nat�rlichkeit wie der einzige Mensch unter lauter Puppen. Wenn er Marie umbringt, rettet er sie damit fast vor dem Abgleiten in die Welt der Karikaturen. Anja Kampe singt die Rolle mit glei�enden Spitzent�nen, ihre Sicht auf die Figur wirkt aber noch ein wenig unfertig.

Der Rest gl�nzt mit einer runden Ensembleleistung. Ulrich Re� macht – wie immer – aus drei S�tzen eine Hauptrolle, auch die beiden Handwerksburschen (Tobias Schnabel, Boris Prygl) sind ungew�hnlich gut. Gewiss wird nicht jede Repertoirevorstellung in der kommenden �ra so fulminant gelingen. Aber Vladimir Jurowski beweist mit diesem “Wozzeck”, dass er jedenfalls die Absicht hat, keinen Schlendrian aufkommen zu lassen.

Wieder heute, Samstag sowie am 21. und 25. Oktober im Nationaltheater, Restkarten unter www.staatsoper.de

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