"Viel leichter wird’s vermutlich nicht mehr, das Richtige zu tun"

"Viel leichter wird’s vermutlich nicht mehr, das Richtige zu tun"

10/12/2020

Sie zählt zu den wandelbarsten deutschsprachigen Schauspielerinnen. Im Netz macht die “Polizeiruf”-Kommissarin obendrein auf gesellschaftliche und politische Themen aufmerksam. Dabei scheut sie auch keine Diskussionen. 

Von der “Polizeiruf 110”-Kommissarin über Magda, die es schon macht, bis hin zu verschiedenen Episodenrollen in TV-Filmen – Verena Altenberger kennen Zuschauerinnen und Zuschauer aus Komödien, Krimis und nicht zuletzt auch aus Herzschmerzfilmen. Woran sie gerade arbeitet, zeigt die 33-Jährige immer auch im Netz. Neben Einblicken in ihren Job finden sich auf dem Instagram-Profil der Schauspielerin aber auch Privates und Beiträge zu politischen und gesellschaftlichen Themen. 

Warum sich Verena Altenberger dazu verpflichtet sieht, auf Probleme aufmerksam zu machen und darüber, aber auch über persönliche Beiträge mit ihren Followerinnen und Followern zu diskutieren, erklärt sie im Interview mit t-online. Außerdem spricht sie unter anderem über die Dreharbeiten zu “Die Spur der Mörder”, einem der letzten Filme mit dem im Januar überraschend verstorbenen Regisseur Urs Egger, und das wichtige Thema Nachhaltigkeit.

Verena Altenberger: Die Abwechslung bedeutet mir alles. Das Schönste an meinem Beruf ist, dass ich so viel Verschiedenes machen kann. Ich wertschätze sehr, dass mir von allen Seiten Rollen angeboten werden – von der komödiantischen und von der ernsten Seite. Wenn man sich mal festgelegt hat, ist das schnell nicht mehr der Fall. Deswegen bin ich dankbar, dass ich nach wie vor so breit aufgestellt spielen darf.

Verena Altenberger: Im Münchner “Polizeiruf 110” ist sie seit 2019 als Kommissarin Elisabeth “Bessie” Eyckhoff zu sehen. (Quelle: Tobias Hase/dpa +++ dpa-Bildfunk +++/dpa)

Mögen Sie ein Genre möglicherweise lieber?

Das kann ich gar nicht so sagen, weil gerade durch die Abwechslung das nächste anstehende Projekt das Schönste ist. Nach einer Staffel “Magda macht das schon” freue ich mich riesig auf ein Drama und wenn ich zwei Monate in den Seelenabgründen rumgetaucht bin, freue ich mich, wieder eine leichtere Komödie zu drehen.

“Die Spur der Mörder” ist einer der letzten Filme von Urs Egger. Was bedeutet es Ihnen, darin mitgewirkt zu haben?

Es ist absurd irgendwie. Ich habe zweimal mit Urs Egger zusammengearbeitet. Sein Tod hat uns einfach alle wahnsinnig überrascht. Wir wussten bei dem Dreh gar nicht, wie krank er ist. Also, ich kann nicht für alle sprechen, aber ich weiß von einigen Kolleginnen und Kollegen, dass sie genauso überrascht von diesem sehr plötzlichen Tod waren wie ich. Wir hatten nach dem Ende der Dreharbeiten eine schöne Verabschiedung zusammen in Wien. Schon ohne Urs. Aber wir sind einfach noch mal zusammengekommen, haben geredet und Fotos angeschaut.

Es bleiben also schöne Erinnerungen.

Absolut. Davon hat er viele hinterlassen. Jeder kann lustige Geschichten von Urs erzählen. Es gibt so lustige Fotos, er hat viel herumgeblödelt.

In “Die Spur der Mörder” spielen Sie die italienische Ermittlerin Carla Orlando. Sie sprechen sehr gut Italienisch und teilen häufig Fotos aus Italien. Wie ist diese besondere Beziehung zu dem Land zustande gekommen? 

Ich komme ja aus Salzburg und von dort ist es bis nach Italien nur ein Katzensprung. Erst konnten sich meine Eltern nur Urlaub in Österreich leisten, aber später sind wir immer wieder mal nach Italien gefahren. Das war für mich das erste Urlaubsland. Diese Liebe ist geblieben. Das ist einfach so ein facettenreiches Land, es hat alles: von den schönsten Bergen zu den schönsten Stränden über die bezauberndsten Städtchen bis zum besten Essen. Und der Wein!

Dass ich aktuell in Italien bin, ist meinem Beruf geschuldet. Ich drehe hier seit August die Streamingserie “Wild Republic”. Wir sind hier an wundervollen Orten – in den Dolomiten, in schönen Tälern und bei schönen Gewässern. Ich bin extra selbst mit dem Auto angereist, da ziehe ich dann am Wochenende los, um die Gegend noch ein bisschen mehr zu erkunden. So kommen die Bilder und Aufenthalte zustande. Das verdanke ich also auch meiner Arbeit.

In “Die Spur der Mörder” spielen Sie Carla Orlando, die für die Sicherheit in Italien kämpft. Für ihre Familie, für das Gesetz. Wofür kämpfen Sie?

Ich kämpfe für viele unterschiedliche Sachen. Ich kämpfe darum, meinen Beruf machen zu dürfen, einfach glücklich zu sein und mich nicht in irgendwelche Strudel hineinziehen zu lassen. Ich kämpfe dafür, dass unser gemeinsames Europa, die gemeinsamen Werte, Bestand haben und dass vor allem solche Krisen, wie sie sich jetzt gerade in Moria abspielen, dafür genutzt werden, etwas zu verbessern und nicht noch weiter zu verschlechtern. Dass sich die Menschlichkeit noch viel mehr durchsetzt. Wenn ich sehe, dass Österreich null Geflüchtete aus Moria aufnehmen will, dann schäme ich mich richtiggehend.

“Die Spur der Mörder”: Carla Orlando (Verena Altenberger) erklärt Ingo Thiel (Heino Ferch, l.) und Winni (Ronald Kukulies, r.), weshalb die italienische Presse bereits Details zum Fall berichtet. Das überzeugt die beiden wenig. (Quelle: ZDF/Frank Dicks)

Unter anderem auf die Situation in Moria haben Sie auch auf Instagram viel aufmerksam gemacht.

Ja, ich bin dankbar dafür, dass mir eine Bühne gegeben wird. Diese sollte man nutzen. Es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die unpolitisch sind, was auch ihr gutes Recht ist, aber in meinem persönlichen Berufsverständnis kommt mit mehr Aufmerksamkeit auch mehr Verantwortung. Die möchte ich dafür nutzen, dass wir eine noch offenere, noch vielfältigere Gesellschaft werden, die nicht so in Kategorien denkt, wie das leider noch immer der Fall ist.

Wenn Sie etwas Politisches, Gesellschaftliches oder Persönliches teilen, gehen Sie mit ihren Followern in den Dialog – auch wenn Kritik kommt. Das ist längst nicht gang und gäbe. Es gibt auch Prominente, die posten etwas und dabei bleibt es. Welche Kommentare dann kommen, wird nicht weiter beachtet. 

Auch da greift für mich das Argument: Sofern ich nicht die Kommentare sperre, bin ich zumindest teilweise für das verantwortlich, was unter meinen Posts auf Social Media passiert. Sobald ich etwas poste, nehme ich mir im Idealfall die Zeit zu moderieren. Mal abgesehen von puren Hasskommentaren, die ich einfach lösche, versuche ich mitzudiskutieren, sobald ich merke, dass da jemand über ein Thema reden will, unsicher ist oder eine Frage hat. Irgendwo muss jede Diskussion aber ein Ende haben und irgendwo höre ich auch mal auf zu antworten. Vor allem, wenn ich merke, die Argumente wiederholen sich. Aber ich finde es einfach wichtig, sich einzuschalten und habe damit so viele positive Erfahrungen gemacht. Diese Diskussionen bringen einfach was.

Haben Sie da ein Beispiel parat?

Ja, ich nehme mal ein persönliches Beispiel ohne Politik: Ich poste etwas und jemand schreibt dazu: “Du bist hässlich, geh weg!” Dann nehme ich mir kurz Zeit, gehe auf das Profil derjenigen Personen, schau, ob da ein Name steht, was meistens der Fall ist. Dann antworte ich: “Sehr geehrter Herr Hans Huber, ich verstehe nicht, warum Sie mir schreiben. Wollen Sie erklären, warum Sie gerade so negative Gefühle in Bezug auf meine Person haben? Freundliche Grüße aus den Bergen, Verena.” Ganz oft kommt dann einfach zurück: “Oh, ich wusste nicht, dass diese Kommentare wirklich jemand liest. Ich möchte mich entschuldigen.” Man ändert was, wenn man mit den Leuten schreibt oder spricht. Weil alles so anonymisiert ist, rechnen sie nicht damit. Das ist alles Sprache und das ist alles da draußen in der Welt, und das ist der Beginn von Hass und Unfreundlichkeit, die sich potenzieren können. Jemand anderes liest und nimmt sich das vielleicht sogar zum Vorbild. Deswegen finde ich es wichtig, da ein bisschen Gegenwind reinzuwehen.

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Mittlerweile habe ich regelrecht meine Freude daran. Manche Fragen kann ich nicht sofort beantworten. Dann muss ich mir noch mehr zum Thema durchlesen. Das fordert mich und bringt auch mich in meiner Meinung und meiner Haltung weiter.

Thema Gender-Pay-Gap: Unterschiedliche Gagen bei Mann und Frau. Das ist immer wieder Thema. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Ich kann jetzt nichts Persönliches dazu sagen, weil wir nicht über Vertragsdetails sprechen dürfen. Weder mit der Presse noch untereinander. Ich hatte so ein Gespräch noch nie persönlich, deshalb fehlt mir dieser Direktvergleich. Wie alle anderen Menschen auch, habe ich aber Zugriff auf Hunderte Studien, die belegen, dass es den Gender-Pay-Gap gibt. Und denen glaube ich. Ich weiß nicht, in wie vielen Projekten ich davon konkret schon betroffen war. Aber wenn es nach den Studien geht und ich einfach ein Teil des großen Ganzen bin, dann sicher oft. Das ist Bulllshit, dass das so ist. Das muss aufhören.

Wie könnte man dagegen vorgehen?

Es gibt mittlerweile schöne Best-Practice-Beispiele. Unter anderem Schweden macht das so, dass Gehälter öffentlich einsehbar sind. Ich finde das sinnvoll. Nur durch Transparenz können wir verhindern, dass es zu Mauscheleien kommt. Erst sobald wir uns offen damit auseinandersetzen, können wir uns vergleichen und Argumente anbringen. Ich persönlich hätte nicht Möglichkeit, zur Produktion zu gehen und zu sagen: “Mein Kollege verdient mehr. Warum verdiene ich weniger?” Ich weiß einfach nicht, ob es so ist. Wenn ich es wüsste, wäre ich in dem Moment schon vertragsbrüchig. Uns sind nicht die Mittel gegeben, dagegen aufzustehen und genau das müsste sich ändern. Mehr Transparenz würde ich befürworten.

Das würde vielleicht auch einfach ein besseres Gefühl mit sich bringen.

Ja, genau. Dass man zumindest einfach drüber reden kann.

Sie leben in Berlin und Wien, kommen aus Salzburg und fühlen sich als Europäerin. Gibt es einen Ort, an dem Sie sich zu Hause fühlen?

Mein organisatorischer Lebensmittelpunkt ist in Wien. Da ist mein Hauptwohnsitz, mein sicheres Nest und da fahre ich hin, wenn ich eine Pause habe. Das ist aber nicht der Ort, an dem ich sein muss, um mich zu Hause zu fühlen. Ich komme aus Dorfgastein, meine ganze Familie kommt von dort. Bis auf zwei, drei Leute, die woanders hingezogen sind, leben auch noch alle in Dorfgastein. Das ist ein kleines Dorf in den Salzburger Bergen und am ehesten “meine Heimat”. Ich bin glücklich mit meiner Lebenssituation, die da heißt: Koffer packen und mal sehen, wo es als nächstes hingeht. Ich finde es angenehm und spannend.

Apropos Koffer, Sie drehen gerade in den Bergen, verbringen sowieso viel Zeit mit Dreharbeiten in der Natur. Sie wirken sehr naturverbunden. Ist das richtig?

Ja, das habe ich im wahrsten Sinne des Wortes mit der Muttermilch aufgesogen. Meine Mama war ein sehr naturverbundener Mensch. Sie hat Landwirtschaft studiert und sich dann ihren Lebenstraum erfüllt und einen Bauernhof übernommen. Es ist bei mir einfach einprogrammiert, die Natur und ihre Lebewesen zu respektieren, und dass die Kraft aus der Natur kommt. Das mag esoterisch klingen, ist aber nicht so gemeint. Natur ist für mich Ruhe. Als ich mit 18 in Wien war und angefangen habe zu studieren, war ich teilweise nicht so glücklich. Wenn ich damals mit meiner Mutter telefoniert habe, hat sie gesagt: “Ist ein Baum in deiner Nähe?” Dann hat sie mich hingeschickt und gesagt, ich soll meine Hand an den Stamm legen, um mich besser zu fühlen. Also tatsächlich Natur als Stütze, als Kraftgeberin. Das finde ich schön und das bedeutet Natur auch heute noch für mich.

Das klingt schön. Ihre Mutter ist leider verstorben. Haben Sie durch die Natur eine besondere Verbindung zu ihr?

Das würde ich jetzt nicht rein auf die Natur münzen. Ich glaube, das ist wie bei ganz vielen Menschen, die einen lieben Menschen verloren haben. Man hat gewisse Plätze, aber man hat auch gewisse Lieder oder Gerüche. Das ist jetzt nicht nur die Natur, sondern das sind einfach unterschiedliche Erinnerungen im Allgemeinen.

Inwiefern kümmern Sie sich um Nachhaltigkeit?

Ich versuche in meinem Leben alles zu tun, um möglichst nachhaltig zu leben. Und wenn ich es nicht kann, mir zumindest dessen bewusst zu sein. Manchmal muss man Dinge tun, die definitiv nicht nachhaltig sind. Zum Beispiel hatte ich vor ein paar Wochen den Fall, da war ich in Südtirol auf den Bergen und hatte ein sehr kurzfristiges, aber für mich sehr wichtiges Casting in Berlin. Und ich hatte genau einen Tag Zeit, um dorthin und wieder zurückzukommen, weil ich einfach davor und danach in Südtirol gedreht habe. Man kommt nicht an einem Tag von Südtirol nach Berlin und wieder zurück, wenn man nicht fliegt. Manchmal muss man dann diese Dinge einfach machen, weil sie der Beruf oder vielleicht auch ein wichtiger privater Termin erfordern. Aber dann muss man sich zumindest dessen bewusst sein und womöglich an anderer Stelle ausgleichen.

Dieses Bewusstsein ist wohl das, was erst einmal da sein muss.

Absolut. Ich versuche auch, mich möglichst nachhaltig zu ernähren – das heißt für mich, dass ich weitestgehend auf Fleisch verzichte. Wenn ich dann doch einmal Fleisch esse, dann zum Beispiel ein Stück Wild, bei dem ich weiß, wo es herkommt. Ich würde aber auch niemanden verurteilen, der sagt, ich lebe normalerweise nachhaltig, aber ich habe jetzt mal Lust auf McDonald’s – ja, dann geh doch zu McDonald’s. Das eine Mal wird uns nicht killen. Wenn wir mit größtmöglichem Respekt durch unser Leben gehen in Bezug auf Natur, Umwelt und Lebewesen, dann muss man das auch nicht 100 Prozent der Zeit sein, sondern vielleicht zu 90 Prozent. Wenn das jeder so machen würde, wären wir schon so viel weiter.

… das dürfte so stimmen …

Es wird uns mittlerweile ja auch sehr leicht gemacht, nachhaltig zu leben. Es ist heutzutage kein Aufwand mehr. Wir haben tolle öffentliche Verkehrsmittel. Wir haben ein super Zugnetz. Wir haben die Möglichkeit, mit zwei Klicks auf Ökostrom in der eigenen Wohnung umzustellen. Es gibt vegane Burger-Pattys für die sommerliche Grillerei, die schmecken wie Fleisch. Viel leichter wird’s vermutlich nicht mehr, das Richtige zu tun.

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Vielen Dank für das Interview, Frau Altenberger.

Der Krimi “Die Spur der Mörder”, in dem Verena Altenberger unter anderem gemeinsam mit Heino Ferch und Mary-Lou Sellem, Ronald Kukulies, Joachim Król und Maya Bothe zu sehen ist, läuft am 12. Oktober 2020 um 20.15 Uhr im ZDF.

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