Das kriminelle Haus der Nele Neuhaus: Vier Fragen zum Frankfurter "Tatort: Funkstille"

Das kriminelle Haus der Nele Neuhaus: Vier Fragen zum Frankfurter "Tatort: Funkstille"

09/13/2020

Im neuste Frankfurt-Tatort erwartet den Zuschauer ein alt bekanntes “Tatort-Gesicht”. Tessa Mittelstaedt zeigt sich diesmal nicht auf Ermittlerseite, sondern überzeugt in der Position einer geheimnisvollen Mutter. Wir beantworten Ihnen die vier spannendesten Fragen zur aktuellen Folge.

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In ihrem zwölften Fall lernen die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) die amerikanische Familie Fisher und ihr dunkles Geheimnis kennen.

Welche berühmte Krimiautorin wohnte im Haus der Fishers?

Die Villa, die als Heim für die fiktive Familie Fisher benutzt wurde, gehörte vor einigen Jahren noch der Schriftstellerin Cornelia “Nele” Neuhaus. Deren Bücher mit den Ermittlern Bodenstein und Kirchhoff wurden vom ZDF mit Timm Bergmann und Felicitas Woll in den Hauptrollen als “Taunuskrimis” verfilmt.

Ein Location-Scout habe das Haus in Kelkheim für den neuesten Frankfurt-Tatort ausgesucht, so die Redaktion des Hessischen Rundfunks, “weil man durch ein Fenster ins Freie klettern kann.” Tochter Emily entwischt im “Tatort” nämlich regelmäßig nachts ihren Eltern.

Viele verschiedene Drehorte in Frankfurt

Kelkheim liegt rund 20 Kilometer westlich von Frankfurt, hier schrieb Nele Neuhaus laut “Frankfurter Rundschau” (FR) am Küchentisch die Manuskripte ihrer ersten Taunuskrimis. In der Garage habe die Schriftstellerin ihre im Eigenverlag gedruckten Bücher gestapelt. Der erste Bodenstein-und-Kirchhoff-Roman “Eine unbeliebte Frau” erschien 2006.

Weitere Drehorte waren laut “FR” der ehemalige Flugzeughangar in Eschborn, wo Sebastians Leiche gefunden wird, und in Frankfurt das Café Rosso hinter der Alten Oper, die Büros von Energieversorger Mainova in Bockenheim, der Second-Hand-Schuhladen Aschenputtel sowie die Kleinmarkthalle, wo Emily Fisher versucht, einen Verfolger loszuwerden.

Mittelstaedt ist bekannt aus dem Köln-Tatort

Die Darstellerin der zwielichtigen Mutter Gretchen Fisher ist der Hauptgrund, der diesen insgesamt nicht wirklich überzeugenden Fall sehenswert macht. Für die 46-Jährige ist es der erste Auftritt in der Reihe seit ihrem Ausstieg aus dem Kölner “Tatort”, in dem sie von 2000 bis 2014 die Assistentin Franziska Lüttgenjohann von Max Ballauf und Freddy Schenk gab.

Tessa Mittelstaedt war noch Schauspielschülerin, als sie 1999 in “Kinder der Gewalt” Anja spielte, die Urlaubsvertretung von Lissy (Anna Loos), der damaligen Assistentin der Kölner Kommissare.

Als “Franzi” war sie dann zwar beim Publikum ebenso beliebt wie bei den Kommissaren (für die sie auch schon mal das Babysitting der Enkelkinder übernahm), doch irgendwann sah Mittelstaedt für ihre Rolle kein Entwicklungspotential. Sie wolle sich “neuen Herausforderungen stellen”, erklärte sie damals. Die Episode “Franziska” stellte 2014 den Tod ihrer Figur in den Mittelpunkt, übrigens derart dramatisch, dass der “Tatort” wegen Bedenken des Jugendschutzes erst ab 22 Uhr gezeigt wurde.

Kehrt Tessa Mittelstaedt zum “Tatort” zurück?

Die Herausforderungen, die die Rolle der Gretchen Fisher ihr bot, waren für Mittelstaedt Anreiz genug, um eine Gastrolle zu übernehmen: Gretchen ist eine spannungsreiche Figur, die den Zuschauern ebenso wie den Kommissaren Brix und Janneke Rätsel aufgibt.

Und dann ist da natürlich die Popularität der Reihe: “Der ,Tatort’ ist die Königsklasse im Fernsehen”, so Mittelstaedt gegenüber der “Frankfurter Rundschau”, “trotz Netflix und Streaming-Diensten”. Es ist also gut möglich, dass wir Tessa Mittelstaedt in einem “Tatort” wiedersehen, nur eben nicht als Franziska.

Hat dieses Ehepaar ein reales Vorbild? (Achtung: Spoiler)

Ja. 2011 flog in Marburg ein Agentenpaar auf, das mehr als 20 Jahre erst für die Sowjetunion, dann für Russland spioniert hatte. Seit dem Fall der Mauer hatte es in Deutschland keinen so schweren Spionagefall gegeben.

Die Agenten mit den Decknamen Pit und Tina waren bereits in der Endphase des Kalten Krieges in die Bundesrepublik gekommen, sie gaben sich als in Südamerika geborene Österreicher aus und lebten als Ingenieur und Hausfrau mit einer Tochter an verschiedenen Orten in Deutschland.

Die “Welt am Sonntag” enthüllte den “Agententhriller” 2012 und berichtete 2013 von der Gerichtsverhandlung: Der stoische Andreas Anschlag, von dem nur sein echter Vorname Sascha bekannt war, wurde wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit in einem besonders schweren Fall zu sechseinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Seine Frau (echter Vorname Olga) bekam fünfeinhalb Jahre und zeigte sich während des Prozesses deutlich emotionaler: “Wenn die Rede auf die gemeinsame Tochter kam, weinte sie. Das Kind des Agentenpärchens lebt ungeachtet des Schicksals seiner Eltern in Deutschland, wo es geboren wurde und aufgewachsen ist.”

Spion-Ehepaar nutze Hightech-Satellitensender

Wegen des langen Zeitraums konnte die Bundesanwaltschaft nicht die gesamte Spionagetätigkeit des Paares nachweisen, wohl aber, dass die beiden von 2008 bis 2011 geheime Dokumente von Nato und EU von ihrem bezahlten Informanten, einem niederländischen Diplomaten, in Empfang nahmen. Das Material versteckten sie in “toten Briefkästen”, meist Erdlöchern an markanten Stellen, die russische Botschaftsmitarbeiter später leerten.

Zudem wurde Olga auf frischer Tat am Kurzwellenempfänger ertappt. Dabei habe es sich allerdings keineswegs um Steinzeitmethoden gehandelt: Experten der Polizei demonstrierten im Gerichtssaal, “wie ein Hightech-Satellitensender, versteckt in einer Laptoptasche, ein Kurzwellenempfänger und die Verschlüsselungssoftware der beiden Spione funktionierten. Es handele sich um Spezialanfertigungen. Agententechnik “vom Feinsten”, die von Heidrun Anschlag als Funkerin bedient wurde.” Sie durfte Deutschland 2014 verlassen, ihr Mann wurde 2015 in seine Heimat abgeschoben.

Gibt es nicht noch eine andere Inspirationsquelle? (Achtung: Spoiler)

Fans von “The Americans” dürfte in “Funkstille” einiges bekannt vorkommen. Die hoch gelobte Serie lief 2013 bis 2018 in den USA. In Deutschland, wo ProSieben Maxx 2014 mit der Ausstrahlung begann, gilt sie eher als Insider-Tipp. Sie erzählt die Geschichte der russischen Agenten Elizabeth (Keri Russell) und Philip Jennings (Matthew Rhys), die in den achtziger Jahren ein Scheinleben als durchschnittliche amerikanische Vorstadtfamilie in der Nähe von Washington D.C. führen. Ihre zwei Kinder wissen lange nichts von der Arbeit ihrer Eltern. Wie im “Tatort” denkt Philip an einen Ausstieg und ist die Beziehung von Elizabeth zu ihrer Tochter angespannt. Das Verhältnis bessert sich erst, als Teenager Paige die Wahrheit erfährt und Elizabeth ihr ermöglichen will, ihre eigene todkranke russische Mutter zu besuchen – auch in “Funkstille” wird angedeutet, dass Tochter Emily gerne mehr über ihre Großmutter erfahren hätte.

Verwendete Quellen:

  • Frankfurter Rundschau: “Tatort- Dreh in Kelkheim: Die ARD zu Gast in Nele Neuhaus’ alter Villa”
  • Welt: “Die Eheleute Anschlag müssen für Jahre in Haft”

Das Einkommen der Filmemacher: Was Drehbuchautoren und Regisseure verdienen

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