Fünf Fragen an den Wunsch-"Tatort": Kann jeder auch auf eine Revolutionsschule gehen?

Fünf Fragen an den Wunsch-"Tatort": Kann jeder auch auf eine Revolutionsschule gehen?

08/31/2020

Während der Sommerpause zeigt das Erste gewöhnlich Wiederholungen älterer “Tatort”-Folgen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Krimireihe durfte in diesem Jahr das Publikum jede Woche aus einer Liste von insgesamt 50 Folgen aus 20 Jahren per Online-Wahl entscheiden, welche Episode gezeigt wird. Wir haben uns auch diesen Sonntag den Festlichkeiten angeschlossen und feiern den Sieger mit fünf frohen Ferienfragen.

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Den elften und letzten Wunsch-“Tatort” des Sommers hat “Die Faust” aus Wien mit 34.975 Stimmen gewonnen. Auf Platz 2 und 3 landeten “Borowski und der Himmel über Kiel” (28.844 Stimmen) und der Kölner Fall “Nachbarn” mit 23.678 Stimmen.

Kann die Wahl der Wiener “Tatort”-Folge wirklich Zufall sein?

In “Die Faust” suchen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) einen Serienmörder, der seine Opfer an öffentlichen Orten inszeniert. Und wenn nächsten Sonntag die Sommerpause mit einem neuen “Tatort” beendet wird, ermitteln wieder Eisner und Krassnitzer in Wien.

Zehn Wochen lang schafft es keiner der österreichischen “Tatorte” auf der Wunschliste in die Nähe eines Sieges. Und ganz am Schluss steht plötzlich Wien auf Platz 1? Das könnte mehrere Gründe haben: Alle ARD-Intendanten haben tagelang in ihren holzgetäfelten Büros heimlich auf die Wahltaste für den ORF-“Tatort” geklickt, damit ihr österreichischer Kooperationspartner nicht beleidigt ist.

Oder die österreichischen “Tatort”-Fans nervt die deutsche Übermacht und sie haben am Ergebnis herumgewerkelt – schließlich gab es bereits in der zweiten Wunsch-Woche Probleme mit Manipulationsversuchen. Allerdings nicht aus Österreich.

Wahrscheinlicher ist, dass die Bekanntgabe des ersten neuen “Tatorts” nach der Sommerpause den Zuschauern das Wiener Team wieder in Erinnerung gerufen hat. Daraufhin wurde “Die Faust” gewählt, um sich einzustimmen und das Gedächtnis aufzufrischen.

Und die Folge von 2018 ist wirklich ein Glanzstück: Der Fall entfaltet sich so düster und bedrohlich, dass Eisner und Fellner auf ungewöhnlich kleiner Sparflamme frotzeln.

Gibt es noch mehr Auftritte von der Psychologin auf der Vespa?

Hoffentlich! Zu Serienkiller-Krimis gehört neben der theatralischen Inszenierung der Opfer gerne auch ein theatralischer Experte, der sich in den Wahnsinn des Täters hineinversetzt. Es ist eine der Stärken von “Die Faust”, dass der Krimi mit genau diesen Gewohnheiten spielt und sie ironisch bricht.

So macht gerade die Tatsache, dass die Inszenierung der drei Toten so dramatisch ist, Major Eisner stutzig: “Bisschen zu überladen”, meint er und beginnt, in eine andere Richtung zu ermitteln.

Vorsichtshalber holt er sich aber den Rat der “legendären Profilerin” Henriette Cerwenka, die eigentlich bereits im Ruhestand ist. Gespielt wird sie von der heute 77-jährigen Theaterschauspielerin Erika Mottl.

Höfrätin Dr. Cerwenka kommt in Lederjacke und mit rotem Lippenstift auf einer Vespa angerattert, stürmt das Treppenhaus hoch zum Schauplatz des ersten Mordes, und bittet um Ruhe: “Schhhhh… Ich muss mich in den Täter hineinspüren!”

Dann dreht die Kriminalpsychologin sich zu den verdutzen Ermittlern um und meint trocken: “Ich zieh’ euch nur auf. Ich kann hier nichts sehen, was ihr nicht selber auch seht.” Wir jedenfalls wollen Jetti, wie Eisner sie freundschaftlich nennt, unbedingt wiedersehen.

Kann ich auch auf eine Revolutionsschule gehen?

In “Die Faust” entpuppen sich die Mordopfer als osteuropäische Aktivisten. Daraufhin befragen Eisner und Fellner den Universitätsprofessor Nenad Ljubic (Misel Maticevic), ein ehemaliges Mitglied der serbischen Oppositionsbewegung Otpor, die maßgeblich am Sturz Slobodan Miloševićs 2001 beteiligt war.

Er habe, erzählt Ljubic den Ermittlern, in Belgrad damals das “Center for a Free Future” gegründet, das für osteuropäische Oppositionelle zu “einer Art Revolutionsschule” geworden sei.

Damit erinnert Ljubic an Srdja Popovic, einen einstigen Belgrader Studenten, der die tatsächlich existierende Organisation Otpor mitbegründet hat. Aus ihr ging später das Belgrader “Zentrum für gewaltlose Aktionen” hervor, das die “Süddeutsche Zeitung” 2011 “eine Art Umsturz GmbH” genannt hat.

Dort holen sich mittlerweile vor allem junge Oppositionelle aus aller Welt Rat, von Osteuropa bis Afrika und Ägypten. Die im “Tatort” gezeigte Faust, tatsächlich Otpors Symbol, ist auch bei den gegenwärtigen “Black Lives Matter”-Demonstrationen in den USA regelmäßig zu sehen.
Wer eine Revolution plant, kann außerdem zu dem Buch greifen, das Popovic über seine Erfahrungen geschrieben hat: “Protest!: Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt”. Seine Methode sind friedliche Protestaktionen, die auf Phantasie und Humor statt auf Gewalt setzen. Der Untertitel der englischen Ausgabe verdeutlicht das: “How to Use Rice Pudding, Lego Men, and Other Nonviolent Techniques to Galvanize Communities, Overthrow Dictators, or Simply Change the World.” (“Wie man Milchreis, Legomännchen und andere gewaltlose Techniken nutzt, um Gemeinschaften mitzureißen, Diktatoren zu stürzen oder einfach die Welt zu verändern.”) Daran allerdings hält sich Nenad Ljubic im “Tatort” eindeutig nicht.

Finanzierte die CIA tatsächlich osteuropäische Oppositionsbewegungen?

Natürlich. Die Einflussnahme des amerikanischen Geheimdienstes auf ausländische Wahlen ist historisch belegt und gut dokumentiert. Besonders während des Kalten Krieges versuchten sowohl die USA als auch die Sowjetunion, ihren Einfluss weltweit auszubauen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges habe sich die Herangehensweise jedoch verändert, so der emeritierte Universitätsprofessor und CIA-Experte Loch K. Johnson, gegenüber der “New York Times”: Während Russland häufiger demokratische Bewegungen unterdrücke und autoritäre Regierungen unterstütze, würden die USA in der Regel demokratischen Oppositionellen helfen, um Diktatoren zu stürzen.

Das geschieht jedoch anders als im “Tatort” angedeutet keineswegs immer (nur) heimlich, sondern zum Beispiel über das staatlich finanzierte Institut “National Endowment for Democracy” (NED). Den serbischen Oppositionellen stellte das NED Berater und Gelder zur Verfügun: Amerikanische Steuerzahler, so die “Washington Post”, kamen unter anderem für “5.000 Spraydosen auf, mit denen studentische Aktivisten Anti-Milošević-Graffitti auf Wände in ganz Serbien sprühten, und für 2,5 Millionen Sticker mit dem dem Slogan ‘Der ist fertig'”, einem Markenzeichen Otpors.

Wann kann ich mir wieder einen “Tatort” wünschen?

Vielleicht zum 75. Jubiläum der Krimireihe. Die Jubiläumsaktion sei “ein voller Erfolg” gewesen, so die ARD: “Rund 1.168.000 Stimmen wurden in den elf Wochen des Votings insgesamt abgegeben. Und das Interesse blieb über den gesamten Zeitraum hoch: Mit 136.000 Stimmen in der vergangenen Woche war die Beteiligung fast so stark wie in der ersten Voting-Woche, in der 143.000 Stimmen abgegeben wurden.”

Trotzdem seien erst einmal keine Wunsch-Aktionen geplant, so Lars Jacob von der Pressestelle des Ersten: “Bisher gibt es keine Planung, daraus ein regelmäßiges Sommer-Event zu machen.” Für gewöhnlich werden für die Wiederholungen während der alljährlichen Sommerpause “besonders beliebte ‘Tatort’-Folgen aus den vergangenen Jahren ausgewählt, die die ganze Bandbreite der Reihe abbilden” sollen.

Aber erst einmal geht es mit einem neuen “Tatort” aus Wien in den Herbst: “Pumpen” dreht sich um ein dubioses Fitnessstudio, wo illegal mit Anabolika gehandelt zu werden scheint. Echtes Krafttraining für Eisner und Krassnitzer.

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