Überwacht: Sieben Milliarden im Visier

Überwacht: Sieben Milliarden im Visier

04/20/2020

Überwachungskameras in Großstädten sind auch hierzulande ein gewohntes Bild, wenn auch von Datenschützern misstrauisch beäugt. Technologisch wäre der digitale Totalitarismus längst machbar – mancherorts ist er auch schon Realität.

Überwachungskameras gehören vielerorts zum Alltag. Foto: Capa Presse Foto/ARTE France/Sendeanstalt/dpa

Der Bericht ist im vergangenen Jahr gedreht worden, er hat aber zufällig in der aktuellen Lage noch etwas an Schärfe gewonnen: «Überwacht: Sieben Milliarden im Visier» heißt der französische Dokumentarfilm, den Arte am Dienstag um 20.15 Uhr zeigt.

Er befasst sich mit der weltweiten digitalen Überwachung, den technischen Möglichkeiten und den Gelüsten mancher Machthaber, jeden Einzelnen zu kontrollieren. Die Corona-Epidemie hat dabei dem ein oder anderen Autokraten wunderbar in die Karten gespielt. Denn selbst in dem nach internationalen Maßstäben freizügigen Deutschland wird über Apps diskutiert, die Bewegungsdaten sammeln – wenn auch auf freiwilliger Basis.

«Sind Sie paranoid?» – Diese anmaßend klingende Frage muss sich Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi gefallen lassen. «Nun, wenn man 86 Tote in Nizza als Paranoia bezeichnen will, kann man das wohl tun», sagt Estrosi im Interview mit Arte-Autor Sylvain Louvet. Aber er habe das anders empfunden. Es handele sich um eine konkrete Bedrohung. «Frankreich befindet sich im Krieg.»

Nizzas Bürgermeister bezieht sich dabei auf die terroristischen Anschläge in seinem Land, besonders im Sommer 2016, als ein Attentäter im Lastwagen an der Côte d’Azur Dutzende von Passanten tötete. Auch in Nizza sind seit dem Terrorakt die Überwachungstechniken verfeinert worden. Der französische Soziologe Laurent Muchielli versteht die totale Überwachung als «paranoid» – und eben auch diejenigen, die sie installierten und somit ein «von Angst geprägtes Weltbild» hätten.

Zehntausend Kilometer weiter lebt die Angst im Alltag mit. In Xinjiang, einer Hochburg der muslimischen Uiguren-Minderheit in China, ist jeder Haushalt mit einem QR-Code markiert. Die Polizei in dem immer noch als kommunistisch bezeichneten Ein-Parteien-Staat kann damit kontrollieren, wer gerade zu Hause ist, was gerade die Bewohner tun und auch wie hoch das Einkommen ist. Interviews dort sind nur mit versteckter Kamera möglich. Letztlich wird auch das Eingreifen der Polizei mit versteckter Kamera gefilmt.

China gehört zu den Hochburgen totaler digitaler Kontrolle, für die weltweit jährlich rund 40 Milliarden Dollar ausgegeben werde, wie es in dem Bericht heißt. «Die Kameras sind überall, die Regierung sieht alles, das macht mir Angst», sagt ein Chinese in die Arte-Kamera.

In Tel Aviv in Israel ist eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen, die Überwachungstechniken produzieren, beherbergt. «Was ist Ihnen denn wichtiger: in Sicherheit zu leben oder nicht von einer Kamera analysiert zu werden?» fragt der Chef des Unternehmens, das seine Mitarbeiter nur noch auf der Basis von Gesichtserkennung durch die Tür lässt. Viele internationale Kunden zählt die Firma. Auch in Übersee.

In den USA seien, so sagt die US-Politikerin Clare Garvie, 50 Prozent aller Einwohner inzwischen in einer zentralen Datenbank der Strafverfolgung gespeichert. Ihr Vergehen? Sie besitzen einen Personalausweis und einen Führerschein.

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