Was Leni Klums Busen über unsere Gesellschaft verrät

Was Leni Klums Busen über unsere Gesellschaft verrät

10/11/2021

Ein Aufschrei ging durchs Netz, als Leni Klum sich scheinbar öffentlich entblößte. Bei genauerer Betrachtung gibt es gar keine Entkleidung und jener Aufschrei ist ein Echo unserer Gesellschaft. 

Leni Klum „lässt tief blicken“, sie „entblößt sich“, zeige ein „pikantes“, „freizügiges“ und sogar „grenzwertiges“ Bild von sich. So wurde in den vergangenen Stunden über das 17-jährige Model berichtet. Stein des Anstoßes ist ein Foto, das Leni auf Instagram veröffentlichte. Es zeigt die Promi-Tochter am Strand. Aber nicht etwa im Bikini, sondern in einem Blazer. Darunter ist die junge Frau offensichtlich nackt, jedenfalls obenrum, so viel können wir sehen. Ihre Brust ragt aus der geöffneten Blazerseite heraus, allerdings bedeckt ihre eigene Hand jeden intimeren Blick. Wir sehen also im Prinzip, dass wir nichts sehen. 

Trotzdem sorgt das Bild für Aufmerksamkeit. Menschen empören sich über solch eine Freizügigkeit. „Ist das überhaupt legal?“, schreibt eine Person unter das Foto. Schließlich sei Leni Klum doch erst 17 Jahre alt. „Sie ist ein Kind!“, meint auch ein anderer Nutzer. „Man sollte sie sich noch nicht so sexualisieren lassen.“ 

Auch Oliver Pocher, selbsternannter Sittenwächter im Internet, vorzüglich auf Instagram, schaltet sich ein. Witzelt, dass der Wendler schon ganz nervös werde und spielt damit auf die Ehe des Schlagersängers mit einer 28 Jahre jüngeren Frau an. Wie lustig man das finden mag, liegt wohl im Auge des Betrachters. 

Was allerdings nicht im Auge des Betrachters liegt, ist der Busen der Leni Klum. Und dennoch herrscht ein Tohuwabohu im Netz. Woran liegt das wohl? Jahrelang war sie die süße Unbekannte an der Seite von Heidi Klum. Das Supermodel hielt ihre älteste Tochter von dem öffentlichen Leben, das sie selbst bis ins Detail ausgearbeitet hat, fern. Allerdings nur, bis diese 16 Jahre alt wurde. Seitdem ist Leni Klum sozusagen Freiwild, zum Abschuss freigegeben? 

Angesichts der jüngsten Äußerungen scheint es fast so. Kinder müssen ge- und beschützt werden, da sind sich wohl alle halbwegs vernünftigen Menschen einig. Aber ist Leni Klum eines von ihnen? Die 17-Jährige modelt auf dem Foto für ein Teenager-Magazin, das eigenen Angaben zufolge, „neue Talente aus den Bereichen Mode, Musik und Unterhaltung vorstellt“. Passt also ganz gut zu ihr.  

Ausdruck einer neuen Weiblichkeit 

Bei genauerer Betrachtung hat auch das Foto oder generell die Art von Leni Klum sich zu geben weniger mit der Sexualisierung von „Kindern“ zu tun, als vielmehr mit einer neuen Weiblichkeit. Junge Frauen lassen sich nicht mehr vorschreiben, wieviel und wie sie sich zu bedecken haben.

Das ist weniger Ausdruck von Zurschaustellung und mehr Zeichen von Emanzipation. Frauen wollen sich nicht nicht mehr bedecken, um möglicherweise anderen Personen ein schlechtes Gefühl zu geben. Wenn sich jemand beim Anblick einer mit der Hand verdeckten Brust dabei ertappt fühlt, sexuell angesprochen worden zu sein, dann ist das mehr sein oder ihr Problem, als das der Person, die auf dem Bild zu sehen ist. 

Kurz gesagt: Die Zeiten, in denen Frau sich mit einem kurzen Röckchen unwohl fühlt, weil Menschen sich daran stören oder sexuell erregt werden, sind vorbei. Selbstbewusste Frauen haben ein Recht darauf, ihren Körper zu zeigen. Viele von ihnen lieben ihren Körper und das ist gut. Ihn dann im Internet zu zeigen oder meinetwegen auch auf der Straße, mag vielleicht nicht für jeden etwas sein, aber es gehört, wie die tägliche Wahl des Mittagessens zur eigenen Entscheidung dazu.  

Hinzukommt noch, dass Leni Klum in ihrer Rolle als Model agiert. Sie übt einen Job aus, den sie von Kind auf kennt, an ihrer eigenen Mutter hautnah miterlebt hat. Sie hat sich bewusst für das Shooting entschieden, ist nicht etwa heimlich am Strand von Paparazzi abgelichtet und in ihrer Privatsphäre verletzt worden. Was übrigens häufiger vorkommt, als dass sich eine 17-jährige für ein Magazin in bestimmten Posen fotografieren lässt.

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Bei solchen nicht eingewilligten Aufnahmen findet dann übrigens wirklich oft eine ungewollte Sexualisierung statt und die trifft auch volljährige Frauen. Aber ein Bikinibild, gewollt oder nicht, ist offenbar viel weniger streitbar als ein Foto mit halbgeöffnetem Blazer.  

Vielleicht ist es das altbekannte Generationsproblem, das den Aufschrei um Leni Klums Busen erklärt. Mit jeder neuen Generation von Teenies scheint die Schwelle der Freizügigkeit ein wenig mehr zu sinken. Was Anfang der 1960er-Jahre der Minirock war, ist Anfang der 2020er-Jahre eben der Handbusen auf Instagram. Vielleicht lohnt es sich an der einen oder anderen Stelle, einen Schritt zurückzugehen, tief einzuatmen und eine schöne Frau einfach mal schön sein zu lassen, ohne sie dafür kritisieren zu müssen. 

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